Aus dem Englischen ins Deutsche gekommen, und seit der Mitte des Jahrhunderts ist das vollends eingedeutschte „Testen



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Test und Testosteron
Das letzte Wegstück liegt offen zutage: Im frühen 20. Jahrhundert ist der „Test“ aus dem Englischen ins Deutsche gekommen, und seit der Mitte des Jahrhunderts ist das vollends eingedeutschte „Testen“ bei uns geläufig geworden. Schauen wir weiter zurück, so scheint zunächst der lateinische testis, der „Zeuge“, für einen Vaterschaftstest in Betracht zu kommen, und zugleich fällt da, als Nachbarin in der Lexikonspalte, noch eine testa, ein „Tonkrug“ oder eine „Scherbe“, ins Auge. Ja – ist der Text dann ein „Zeuge“, das heißt, im eigentlichen Sinne des lateinischen Wortes, der tertius, der „Dritte“, neben Täter und Opfer, Produzent und Konsument? Oder steht hinter dem Test, in dem Sehr-Gut und Mangelhaft, 1. Wahl und Bruch sich scheiden, selbst nichts als tönernes Geschirr, sprichwörtlich brüchige Ware?

Der Test ein Qualitätszeugnis? Schön wär`s! Aber jener testis bekennt sich nur zum „Testament“, in dem einer seinen letzten Willen bezeugt, zum ärztlichen „Attest“ und zum „Protest“, mit dem einer öffentlich Zeugnis ablegt. Bei der testa wird es auf den ersten Blick verwirrlich, aber bei ihr sind wir auf der richtigen Spur. Im klassischen Latein bezeichnet das Wort gebrannten Ton in jeder Form: allerlei Tongefäße und –geschirre, Öl- und Weinamphoren, Öllampen und Salbfläschchen, Aschenurnen und Kastagnetten, ja selbst die Fässer am Straßenrand, denen Kaiser Vespasian seine anrüchige „Urinsteuer“, das berüchtigte vectigal urinae, abgewann. Der Monte Testaccio in Rom, am Tiberhafen, ist ein echt aniker Scherbenhaufen.

Von einer bauchigen Deckelterrine war das Wort früh auf die Schalen der Krustentiere, der Austern und der Purpurschnecken übergesprungen; auch das Kriechtier, das wir im Deutschen als eine gewappnete „Schild“-Kröte ansprechen, kroch im Lateinischen als testudo, als eine gedeckelte „Terrine“ durchs Gras. In den Tochtersprachen des Lateinischen ist die Übertragung noch einen Schritt weitergegangen: zunächst auf die bauchige Hirnschale und schließlich auf den ganzen Hartschädel, italienisch testa, französisch tête – da oben in der Chefetage ist auch der Homo sapiens ein wenig Krustentier. Ja – heißt „testen“ dann soviel wie „hirnen“, und ist der Tester dann einer mit Köpfchen?

Noch einmal: Schön wär`s! Aber der Weg zu unserem Testlabor ist ganz versteckt schon vorher abgezweigt. In der mittelalterlichen Alchemistenküche diente eine spezielle testa, ein Schmelztiegel, dazu, das brodelnde Metallgebräu auf seinen Gold- oder Silbergehalt zu prüfen, es in dieser tönernen testa buchstäblich zu „testen“. Ein mittelhochdeutsches Lexikon vermerkt unter test nach „Topf, Tiegel, Kopf“ noch die weiteren Bedeutungen „Schlacke, verworrenes, verflochtenes Zeug“. Die stehen für ein unzweideutig negatives Testergebnis; aber wenn schon nicht gleißendes Gold, so ist bei dieser Goldmacherei doch wenigstens unser „Test“ herausgesprungen.

Aber was ist, wenn ein Doping-Test einem Tour-de-France-Sieger verdächtig hohe Testosteron.Werte attestiert? Da hast sich zu unseren beiden Zufallsnachbarn im Alphabet, jener tönernen testa und dem testis mit der Bedeutung „Zeuge“, unversehens noch ein dritter gesellt: ein gleichlautender anderer testis mit der Bedeutung „Hoden“. Wer weiß, was der eine testis mit dem anderen zu tun hat. Aber wie auch immer – von diesem anderen testis kommen die verkleinerten testiculi, die „Testikeln“, und das erst jüngst im Sprachlabor der Biochemie daraus und aus dem griechischen Adjektiv stereós, „solid, massiv, dreidimensional“, destillierte Retortenwort „Testosteron“.

Tiegel, Zeuge & Testikeln: Es ist schon ein verhexter Dreierverein, der sich in dieser Lexikonspalte zusammengefunden hat. „When shall we thee meet again?“, fragen die drei Hexen in Shakespeares „Macbeth“, und danach fragen die drei Hexen in Fontanes „Brücke am Tay“: „Wann kommen wir drei wieder zusamm’?“ Das ist auch bei dem Dreierverein von Test, Attest & Testosteron eine interessante Frage. „Ich nenn’ euch die Zahl!“, ruft da eine bei Fontane, „Und ich die Namen!“ die zweite, „Und ich die Qual!“ die dritte. Na, das kann noch spannend werden.


Klaus Bartels

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