1 Herzog Friedrich von Wirtenberg Der neue Landesherr



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Salpeter  zu  bereiten  wüßte.  Deswegen  vornehmlich  nahm 

dieser  ihn  in  seine  Dienste  und  bezahlte  ihn  reichlich,  weil  er 

hoffte,  demnächst  ganz  Deutschland  mit  Salpeter  versehen  zu 

können.

Als  Calomo  gerade  in  der  höchsten  Gunst  war,  kam  nach 



Stuttgart  Maggino  Gabrieli,  der  sich  den  Generalkonsul  einer 

Gesellschaft  hebräischer  Kaufleute  nannte,  für  welche  er  um 

Handelsfreiheit  im  Land  nachsuchte.  Der  große  Judenkünstler 

unterstützte  seinen  Stamm-  und  Glaubensgenossen  aufs 

Nachdrücklichste  und  bewirkte,  daß  der  Herzog  dem  Gabrieli 

und  seiner  Gesellschaft  auf  15  Jahre  die  nachgesuchte  Freiheit 

erteilte,  ihm  ein  eigenes  Haus  in  Stuttgart  einräumte  und  den 

Juden  eine  Niederlage  in  Neidlingen,  wo  sie  auch  zwei 

Jahrmärkte  sollten  halten  dürfen,  anwies.  Das  gab  einen 

großen  Lärm  in  Wirtenberg,  wo  seit  den  Zeiten  des  Herzogs 

Eberhard  im  Bart  die  Juden  als  »nagende  Würm«  von  allem 

Handel  und  Verkehr  ausgeschlossen  waren.  Die  Landstädte 

überschickten  dem  Herzog  eine  Vorstellung  dagegen,  in 

welcher  sie  ihn  ernstlich  ermahnten,  die  Juden  als  Feinde 

Christi  nicht  ins  Land  zu  lassen;  denn  er  würde  davon  keine 

Vorteile  haben,  weil  dieselben  das  Betrügen  viel  weniger 

lassen  könnten,  als  die  Katze  das  Mausen,  auch  Kundschafter 

und  Landesverräter  seien  und  durch  ihr  gefährliches, 

unehrliches  und  unziemliches  Gewerbe  das  Volk  verderbten, 

zu  üppigem,  verschwenderischem  Leben  und  sogar  zum 

Stehlen  antrieben.  Das  Konsistorium  bewies  ihm,  daß  die 

Christen  nächst  dem  Teufel  keine  ärgeren  Feinde  als  die 

Juden  hätten,  Bürgermeister  und  Rat  der  Stadt  Stuttgart  aber 

drückten  die  Besorgnis  aus,  wenn  man  die  Juden  sich  in 

Stuttgart  festsetzen  lasse,  würde  der  Bürgerschaft  dadurch  die 

größte  Unlust  und  arge  Beschwerde  aufgeladen  werden  und 



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baten  daher  dringend,  die  Stadt  von  diesem  Volke  zu 

verschonen.  Am  meisten  aber  ereiferte  sich  der  Hofprediger 

Osiander,  der  längst  schon  mit  tiefem  Schmerz  und  gewaltiger 

Entrüstung  dem  Treiben  am  Hofe,  dem  Unfug  der  Goldmacher 

und  anderer  Abenteurer  zugeschaut  hatte.  Es  drückte  den 

guten  Alten  schwer,  daß  die,  welche  zunächst  verpflichtet 

waren,  abzuraten,  daß  die  geheimen  und  Oberräte  zu  solchen 

Dingen  schwiegen;  er  konnte  sich  nicht  länger  halten  und 

erließ  daher  am  13.  März  1598  ein  sehr  eindringliches 

Schreiben  an  den  Herzog.

Eine  so  freie  Sprache  hatte  noch  niemand  gegen  den 

Herzog  zu  führen  gewagt  und  dieser  geriet  darüber  in 

gewaltigen  Zorn.  Des  Herzogs  Antwort  an  Osiander  war 

höchst  ungnädig,  drohend  und  hart.  Osiander  wurde  dazu 

noch  vor  den  Oberrat  gefordert,  wo  er  einen  scharfen 

Verweis  erhielt  und,  da  er  weder  Abbitte  noch  Fußfall  tun 

wollte,  des  Landes  verwiesen.

Mit  Calorno  nahm  es  jedoch  dasselbe  Ende,  wie  mit  andern 

Betrügern 

seiner 

Art; 


er 

vermochte 

seine 

großen 


Versprechungen  nicht  zu  erfüllen  und  leugnete,  als  ihn  der 

Herzog  nun  verhören  ließ,  diese  durchaus  ab.  Friedrich 

befahl,  ihn  deswegen  wohl  zu  verwahren;  dennoch  wußte 

Calorno  verkleidet  aus  der  Stadt  zu  entkommen  und  obgleich 

man  ihm  sogleich  Reitende  und  Steckbriefe  nachschickte, 

konnte  man  seiner  doch  nicht  mehr  habhaft  werden  (im  März 

1599).  Seine  Stammes-  und  Glaubensgenossen  zu  Neidlingen 

hatten  das  Land  schon  früher  wieder  verlassen,  weil  die 

vielen  Beschränkungen,  den  ihr  Handel  unterworfen  wurde, 

ihnen  alle  Aussicht  auf  Gewinn  raubten.



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Der  Kampf  und  das  Ende

An  einem  trüben  Wintertage  des  Jahres  1606  saßen  in  dem 

Sitzungszimmer  des  Oberrats  im  obern  Stocke  der  Kanzlei  zu 

Stuttgart  zwei  Männer  im  eifrigen  Gespräch  miteinander 

begriffen.  Der  Gegenstand  ihres  Gesprächs  mußte  ein  sehr 

wichtiger  sein,  denn  ihre  Mienen  waren  ernst  und  mehr  als 

einmal  versanken  sie  in  tiefes,  stilles  Nachdenken.  Man  sah 

es  beiden  deutlich  an,  daß  sie  seit  einer  Reihe  von  Jahren 

sich  den  Staatsgeschäften  widmeten,  daß  sie  am  Schreibtisch 

zwischen  Aktenbündeln  mehr  Zeit  zugebracht  hatten,  als  in 

der  heitern  Gesellschaft  sorgloser  Weltleute;  ihre  glanzlosen 

trüben  Augen  bezeugten,  wie  manche  Stunde  sie  dem 

nächtlichen  Schlaf  gestohlen  und  in  anstrengender  Arbeit 

durchwacht  hatten.  In  ihren  Gesichtem  lag  etwas  finsteres, 

zurückstoßendes, 

die 


zarteren, 

wärmeren 

Gefühle 

der 


Freundschaft  und  Liebe  schienen  ihnen  fremd,  die  Furchen  in 

ihrem  kalten,  ernsten  Antlitz  aber  hatten  auch  nicht  Gram 

und  Kummer,  sondern  die  gewaltigen  Leidenschaften,  welche 

in  ihrem  Innern  glühten,  Ehrgeiz,  Herrschsucht  und  Geldgier 

gezogen;  Leidenschaften,  welche  so  manchen  verleiten,  das 

Glück  seines  Lebens,  die  Ruhe  seines  Gewissens  und  seinen 

guten  Ruf  dem  nichtigen  Schimmer  von  Macht  und  Glanz 

aufzuopfem.  Es  waren  die  zwei  bedeutendsten  Staatsmänner 

Wittenbergs  aus  der  damaligen  Zeit,  der  Geheimerat  Matthäus 

Enzlin  und  der  Kanzler  Johann  Jakob  Reinhard.

»Darin,  denk’  ich,  sind  wir  einig«,  hub  Enzlin  an,  »daß  es 

anders  werden  muß,  wenn  der  Herzog  freier,  unbeschränkter 

soll  handeln,  wenn  die  großen  Plane,  mit  denen  wir  umgehen, 

sollen  ausgeführt  werden  können.  Diese  Landstände  treten 

uns  überall  hemmend  in  den  Weg;  sie  sind  gar  zu  lästige 


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Aufpasser,  gar  zu  zudringliche  Mahner;  immer  führen  sie  die 

Verfassung,  die  alten  Landesverträge  im  Munde;  keinen 

Schritt  kann  man  vorwärts  tun,  den  sie  nicht  bekrittelten, 

keine  Beisteuer  von  ihnen  erlangen,  für  welche  sie  nicht  die 

Abstellung  einer  Menge  oft  so  kleinlicher,  oft  ganz  grundloser 

Beschwerden 

begehrten. 

Und 

vollends 



ihre 

langsame 

Bedächtlichkeit,  welche  dem  raschen  Vorwärtsschreiten  des 

Herzogs  nichts  als  Hindernisse  in  den  Weg  legt.  Wie 

ungeduldig  er  darüber,  wie  unwillig  über  die  ewigen  Wünsche 

und  Beschwerden  er  schon  geworden  ist,  welche  Vorwürfe  wir 

deswegen  schon  von  ihm  zu  hören  hatten,  das  wißt  Ihr,  Herr 

Kanzler,  so  gut  als  ich.  Wahrhaftig,  wir  verlieren  noch 

Ansehen,  Ehre  und  Geld  darüber,  wenn  es  nicht  anders  wird. 

Die  Hofleute  liegen  so  dem  Herrn  immer  in  den  Ohren,  wir 

vernachlässigten  unsere  Pflicht,  hielten  es  heimlich  mit  den 

Landständen  und  wagten  deshalb  keinen  entscheidenden 

Schritt  gegen  dieselben.  Sie  können  gut  schweigen,  diese 

Müßiggänger  und  leeren  Köpfe,  welche  nur  ihrem  Vergnügen 

nachgehen,  während  wir  uns  den  kostbaren  Schlaf  rauben, 

um  für  ihr  und  des  Herrn  Wohlergehen  zu  wirken.  Sie 

glauben  Wunder  was  getan  zu  haben,  wenn  sie  einmal  ihr 

schwaches  Gehirn  anstrengen,  um  eine  neue  Lustbarkeit  zu 

erfinden,  das  ernste,  wichtige  aber  überlassen  sie  uns,  den 

Geplagtesten  aller  Sterblichen.«

»Ihr  wißt,  daß  ich  über  diese  unnützen  Geschöpfe  wie  Ihr 

denke,  Herr  Geheimrat,  aber  wir  dürfen  es  mit  ihnen  nicht 

verderben;  sie,  die  immer  um  den  Herrn  sind,  könnten  uns 

gewaltig  schaden,  denn  ein  beleidigter  Hofinann  ist  ein 

furchtbarer  Feind«,  entgegnete  der  Kanzler.

»Leider  sprecht  Ihr  die  Wahrheit«,  sagte  Enzlin;  »wir  müssen 

sie 

schonen; 



aber 

machen 


wir 

uns 


dem 

Herzoge 


-  81  -

unentbehrlich,  verleiten  wir  ihn  zu  Schritten,  welche  ihn  ganz 

in  unsere  Hände  geben,  dann  werden  dieser  Zwang,  diese 

Knechtschaft  ein  Ende  nehmen,  und  er  wird  lieber  ein 

Dutzend  jener  lockeren  Gesellen  aufopfem,  als  den  Beistand 

nur  eines  von  uns  verlieren  wollen.  Dazu  ist  nun  der 

sicherste  Weg:  wenn  wir  ihn  von  seinen  lästigen,  verhaßten 

Mitregenten,  den  Landständen,  befreien,  wenn  wir  ihm 

unumschränkte  Herrschergewalt  verschaffen.  Der  Herrscher, 

welcher  die  Schranken  der  Gesetze  und  der  Verfassung 

durchbricht,  kommt  immer  in  eine  gewisse  Abhängigkeit  von 

den  Werkzeugen,  deren  er  sich  bediente.«

»Da  habt  Ihr  vollkommen  recht«,  erwiderte  Reinhard,  »und 

es  fragt  sich  nun:  Wie  greifen  wir  es  an,  um  dem  Regiment 

der  Landschaft  ein  Ende  zu  machen?  Die  Geldverlegenheit  des 

Herzogs  macht,  wie  Ihr  wißt,  die  baldige  Eröffnung  des 

Landtags  notwendig,  und  hier  muß  ein  entscheidender  Schlag 

geschehen.«

»Ich  fürchte  nur,  wir  werden  wenig  ausrichten«,  war  die 

Antwort,  »so  lange  Ulrich  Broll  Landschaftsadvokat  ist  und 

Männer  wie  der  Prälat  von  Adelberg  und  der  Bürgermeister 

im  Ausschuß  sitzen.  Wäre  es  nicht  besser,  wir  schaffen  diese 

noch  vor  dem  Landtag  auf  die  Seite?«

»Keine  Übereilung«,  sprach  sein  ruhigerer  Genosse,  »das 

gäbe  böses  Blut  im  ganzen  Lande;  versuchen  wir  es  lieber 

einmal,  ob  wir  den  Starrsinn  dieser  Leute  brechen,  ob  wir 

dennoch  in  der  Versammlung  die  Stimmenmehrheit  erlangen 

können;  wenn  es  nicht  geht,  ist  es  noch  immer  Zeit  genug, 

zu  dem  von  Euch  vorgeschlagenen  Mittel  zu  greifen.«

»Ihr  habt  recht«,  erwiderte  Enzlin,  »wir  müssen  anfangs 

etwas  behutsamer  auftreten,  wenn  wir  nicht  unserer  Sache 

selbst  schaden  wollen.  Aber  dabei  bleibt’s,  wir  wagen  einen 



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entscheidenden  Schritt.«

Hiemit  endete  das  Gespräch;  die  Verschwörer  gegen  des 

Landes  Wohl  und  die  Verfassung  reichten  einander  die  Hände 

zu  ihrem  frevelhaften  Bunde  und  gingen  jeder  seinen 

besonderen  Geschäften  nach.

Wenige  Tage  später  erging  das  herzogliche  Ausschreiben, 

welches  die  Landstände  auf  den  Januar  des  Jahres  1607 

zusammenberief;  mit  ihnen  sollten  aber  auch  die  herzoglichen 

Amtleute  erscheinen,  welche  emsdich  angewiesen  wurden,  das 

Vorhaben  und  den  Vorteil  des  Herzogs  nach  ihren  Pflichten 

und  ihrem  besten  Vermögen  zu  fördern.  Dieses  Ausschreiben 

wurde  der  Gegenstand  der  Unterhaltung  im  ganzen  Lande,  in 

Privatzirkeln,  wie  an  öffentlichen  Orten,  »auf  den  Märkten,  in 

den  Wirtshäusern  und  bei  Gastereien«  sprach  man  davon. 

Gutes  erwarteten  wenige  von  dem  Landtage;  denn  das 

gegenseitige  Verhältnis  zwischen  dem  Herzog  und  den 

Landständen,  das  Benehmen  des  ersteren  gegen  die  letzteren, 

der  scharfe,  gebieterische  Ton,  welchen  er  neuerdings  in 

seinen 


Verhandlungen 

mit 


ihnen 

angenommen 

hatte, 

erweckten  wenig  Hoffnungen,  aber  desto  mehr  Besorgnisse. 



Als  man  noch  dazu  erfuhr,  daß  Enzlin  und  Reinhard  zu 

herzoglichen  Kommissären  ernannt  worden  seien,  da  sanken 

vollends  die  Erwartungen  tief  herab.  Man  sah  voraus,  daß  es 

einen  scharfen  Kampf  geben  werde;  doch  gewährte  es  noch 

einigen  Trost,  daß  Ulrich  Broll  jenen  zwei  im  Lande  allgemein 

verhaßten  Beamten  gegenüberstehen  sollte.  Der  Herzog  selbst 

nämlich  hatte  dem  ständischen  Ausschuß  geboten,  zwei 

rechtsverständige  Landeseingeborene  zu  Rechtsbeiständen  zu 

wählen,  da  ja  doch  »schlecht  verständige  Leute«  auf  den 

Landtag  kämen,  die  Prälaten  aber  mehr  Theologen  als 

Staatsmänner  seien.  Sie  aber  wählten  nun  neben  einem 


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Tübinger  Rechtsgelehrten  den  Landschaftsadvokaten.

In  dem  Hause  an  der  Ecke  der  Schulgasse,  welches  wir 

schon  aus  dem  Anfänge  dieser  Erzählung  kennen,  hatten  sich 

eines  Tages  drei  Männer  zusammengefunden,  welche  die 

besorgliche  Lage  des  Vaterlandes  eifrig  besprachen.  Es  waren 

gerade  die,  welche  Enzlin  als  die  gefährlichsten  Gegner 

bezeichnet  hatte:  Ulrich  Broll,  Felix  Bidembach,  Prälat  von 

Adelberg,  und  Christoph  Mayer,  Bürgermeister  zu  Stuttgart. 

Allen  drei  sah  man  es  an,  daß  sie  die  erste  Hälfte  ihres 

Lebens  schon  zurückgelegt,  daß  sie  für  das  Gemeinwohl  viel 

gearbeitet  und  gewacht  hatten,  aber  in  ihren  Physiognomien 

lag  ein  ganz  anderer  Ausdruck  als  in  denen  der  beiden 

herzoglichen  Minister.  Es  war  der  ruhige,  milde  Ausdruck  des 

guten  Gewissens,  des  tröstenden  Bewußtseins,  stets  redlich  das 

Beste  des  Landes  gewollt  zu  haben;  mehr  als  eine  Furche 

hatte  die  Zeit,  keine  aber  Ehrgeiz  und  Geldgier  in  ihren 

Gesichtem 

gezogen. 

Wenn 


Enzlins 

verschmitzter 

und 

Reinhards  stechender  Blick  Widerwillen  und  Furcht  erregten, 



so  erweckte  dagegen  die  ehrliche,  freundliche  Miene  dieser 

drei  Männer  Zutrauen;  denn  da  fand  man  von  Arglist  und 

Verstellung,  von  Haß  und  Rachgier  keine  Spur.

»Der  Zeitpunkt«,  begann  Broll,  »welchem  wir  längst  mit 

gerechten  Besorgnissen  entgegensahen,  ist  herangenaht;  der 

Herzog,  verleitet  von  schlauen  Ratgebern,  gedenkt  einen 

ernstlichen 

Angriff 


auf 

unser 


höchstes 

Kleinod, 

die 

Verfassung,  zu  wagen;  daß  aber  dieser  Angriff  zunächst  dem 



Tübinger  Vertrag  gelten  wird,  daran  wird  niemand  zweifeln, 

der  da  weiß,  wie  sehr  dieser  Vertrag  dem  Landesherm 

zuwider  ist,  der  seine  Ansicht  kennt,  daß  er  eigentlich  zu 

dessen  Beobachtung  gar  nicht  verpflichtet  sei.  Lassen  wir 

aber  diesen  Grundpfeiler  unserer  Verfassung  niederreißen, 


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dann  stürzt  das  ganze  Gebäude  zusammen  und  umso 

notwendiger  ist  es,  daß  wir  hier  fest  und  entschlossen 

auftre-ten.«

»Meine  Ansicht  ist  es  gleichfalls«,  entgegnete  der  Abt  von 

Adelberg,  »daß,  wenn  sie  auch  nicht  sogleich  den  Tübinger 

Vertrag  völlig  aufzuheben  wagen,  sie  doch  daran  rütteln 

werden,  wie  an  einem  alten  Hause,  bis  es  ganz  zusammenfällt. 

Enzlin  wird  all  seine  Gewandtheit  und  Schlangenlist  anwenden, 

alle  Kräfte  seines  ränkevollen  Geistes  anstrengen,  um  die 

Stimmenmehrheit  zu  erlangen,  und  wie  es  mit  der  politischen 

Weisheit  so  vieler  unserer  Kollegen  in  der  Landschaft  steht, 

das  wißt  Ihr  so  gut  als  ich.«

»Mehr  noch«,  fügte  Mayer  bei,  »fürchte  ich  die  Selbstsucht 

und  den  Eigennutz  mancher  Mitglieder;  die  Aussicht  auf 

Befriedigung  seines  Ehrgeizes  oder  seiner  Geldgier  hat  schon 

manchen  vom  rechten  Wege  abgelockt.  Mit  glänzenden 

Versprechungen  aber  werden  Enzlin  und  seine  Genossen  nicht 

kargen.«

»Eure  Besorgnisse  sind  leider  nur  zu  begründet«,  fuhr  Broll 

fort;  »wir  aber  dürfen  darum  den  Mut  nicht  sinken  lassen,  die 

Hoffnung  nicht  aufgeben;  vielmehr  wollen  wir  schon  vor  dem 

Beginn  des  Kampfes  mit  allem  Eifer  den  schlimmen  Einflüssen 

von  der  andern  Seite  entgegenzuwirken  suchen.  Ich  zweifle 

nicht,  daß  unsere  Vorstellung  bei  so  vielen  schlichten 

redlichen  Männern,  welche  das  Fürstentum  zum  Landtag 

senden  wird,  von  nicht  geringerem  Erfolge  sein  werden,  als 

die  listigen  Vorspiegelungen  Enzlins,  dem  nur  wenige  recht 

trauen.«

»An  unserem  Eifer  hierin  solls  nicht  fehlen«,  erwiderte 

Bidembach,  und  Mayer  stimmte  ihm  bei.  Als  sie  hierauf  die 

einzelnen 

Mitglieder 

des 


künftigen 

Landtags 

besonders 


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besprochen,  fanden  sie  doch,  daß  die  Zahl  der  Gutgesinnten 

nicht  so  gering  war,  als  sie  gefürchtet  hatten.

»So  laßt  uns  denn«,  sprach  der  Abt  von  Adelberg,  »auf 

Gottes  gnädigen  Beistand  vertrauend,  den  Kampf  erwarten, 

furchtlos  und  mutig  für  unser  gutes  Recht  streiten  und  mit 

wackerem  Beispiel  unseren  Kollegen  vorangehen;  der  Ausgang 

steht  in  der  Hand  des  Allerhöchsten.«  Seine  Freunde  reichten 

ihm  als  Zeichen  ihrer  Beistimmung  die  Hände  und  so  wurde 

auch  in  dem  Eckhause  der  Schulgasse  ein  Bund  geschlossen, 

aber  nicht  zum  Umsturz,  sondern  zur  Erhaltung  der 

Verfassung,  nicht  von  einem  Paar  ehrgeiziger  Minister, 

sondern  von  Männern,  welche  für  das  Wohl  des  Vaterlandes 

begeistert  waren;  die  gute  Sache  aber,  wenn  auch  anfangs 

unterliegend,  errang  doch  zuletzt  den  Sieg.

Am  26.  Januar  1607  versammelten  sich  die  Landstände  zum 

erstenmale  im  Landhause:  die  feierliche  Eröffnung  des 

Landtages  aber  fand  im  Rittersaale  des  Schlosses  in 

Gegenwart  des  Herzogs  und  seines  Sohnes  Friedrich  Achilles 

statt.  Einer  von  den  Abgeordneten  nach  dem  andern  trat  vor 

den  Herzog  und  reichte  ihm  die  Hand;  dann  setzten  sie  sich 

auf  den  längs  den  Wänden  des  Saales  angebrachten  Bänken 

nieder;  nur  die  Prälaten  bekamen  an  einem  mit  schwarzem 

Tuche  beschlagenen  Tische  ihren  Sitz,  ihnen  gegenüber  an 

einer  mit  schwarzem  Tuch  beschlagenen  Tafel  saßen  die 

herzoglichen  Kommissäre.  Nachdem  Friedrich  sich  mit  seinem 

Sohne  wieder  entfernt  hatte,  erhob  sich  Enzlin,  um  den 

Versammelten  die  fürstliche  Landtags-Proposition  mitzuteilen, 

und  es  geschah,  was  Broll  vorausgesehen  hatte.  Enzlin 

verlangte  nämlich  im  Namen  des  Herzogs  eine  sogenannte 

Erklärung  und  Erläuterung  des  Tübinger  Vertrags,  weil  dieser 

in  etlichen  Punkten  unlauter  sei,  auch  übel  verstanden  und 



-  86  -

mißbraucht  werde,  und  als  die  Landstände  nun  Zeitfrist 

verlangten,  um  sich  über  diesen  »hochwichtigen  trefflichen 

Punkt« 


zu 

beraten, 

erklärte 

er, 


der 

Herzog 


begehre 

mündliche,  nicht  aber  schriftliche  Verhandlungen,  sie  sollten 

daher  am  nächsten  Tage  wieder  erscheinen.

Die  Kunde  vom  Inhalt  der  Landtagsproposition  durchlief 

schnell  die  ganze  Stadt  und  erregte  allgemeine  Bestürzung. 

Denn  der  Tübinger  Vertrag  galt  wirklich  allgemein,  wie  Broll 

sich  ausdrückte,  für  den  Grundpfeiler  der  Landesverfassung, 

und  selbst  der  Geringste  im  Volke,  mochte  er  mit  dessen 

Inhalt  auch  nur  sehr  unvollständig  bekannt  sein,  war  doch 

überzeugt,  daß  mit  ihm  die  Freiheit  Wirtenbergs  stehe  und 

falle.  Überall  sah  man  bedenkliche,  traurige  Gesichter  und 

eine  gedrückte,  unheimliche  Spannung  gab  sich  selbst  bei  den 

an  diesem  Abend  gar  nicht  zahlreichen  Besuchern  der 

Wirtshäuser  kund.  Indes  wurden  die  Amtleute  und  andere 

Ständemitglieder 

von 


Enzlin, 

Reinhard 

und 

dem 


Landprokurator 

Eßlinger 

bearbeitet, 

einem 


fleißigen, 

geschickten,  dem  Herzog  eifrig  ergebenen  Mann,  der  sich 

aber  durch  seine  Finanzkünste,  seinen  Eigennutz  und  die 

Weise,  wie  er  frech  und  ungescheut  den  Diensthandel  trieb, 

ebenso  verhaßt  gemacht  hatte  wie  jene  beiden  Männer.  Sie 

richteten  jedoch  nicht  viel  aus;  denn  Broll  und  seine  Freunde 

hatten  dafür  gesorgt,  daß  die  Aufrechterhaltung  des  Tübinger 

Vertrags  den  meisten  Abgeordneten  in  ihren  Vollmachten  zur 

Pflicht  gemacht  wurde,  und  ohnehin  hatte  die  Mehrzahl 

derselben  damals  keine  eigene  Meinung,  sondern  stimmte 

gewöhnlich  der  Ansicht  des  Ausschusses  bei,  welcher, 

fortwährend  mit  den  Landesangelegenheiten  beschäftigt,  diese 

auch  viel  besser  kannte,  und  in  politischen  Verhandlungen 

mehr  Übung  und  Gewandtheit  besaß.  In  ihm  aber  hatten  die 



-  87  -

Stimmen  Brolls,  Bidembachs  und  Mayers  das  meiste  Gewicht, 

und  auch  dessen  übrige  Mitglieder,  der  Abt  Stecher  von 

Bebenhausen, 

die 

Bürgermeister 



Stephan 

Schmid 


von 

Brackenheim,  Georg  Hoffmann  von  Urach,  Philipp  Chonberger 

von  Schorndorf  Elias  Epplin  von  Nürtingen  und  Jakob  Kallwer 

von  Tübingen  waren  meist  ehrenwerte  Männer,  welche  ihre 

Pflicht 

kannten 


und 

für 


Enzlins 

und 


Reinhards 

Überredungskünste  unzugänglich  waren.

Vergebens  wandte  daher  auch  der  Geheimrat  am  andern 

Tage  all  seine  dialektische  Kunst  an,  um  die  Landstände  zu 

gewinnen;  diese  waren  entschlossen,  auch  nicht  einen  Punkt 

des  Tübinger  Vertrags  fallenzulassen  und  begehrten  noch 

einmal  Bedenkzeit.  Der  Herzog,  welcher  ungeduldig  auf  die 

Entscheidung  wartete,  geriet  über  dieses  Begehren  in  großen 

Zorn.  »Wozu  brauchen«,  sagte  er,  »diese  Leute  noch  weitere 

Bedenkzeit?  Ist  ihnen  ja  doch  der  Tübinger  Vertrag  so 

bekannt  als  das  Vaterunser«;  auf  die  Vorstellungen  seiner 

Räte  jedoch  bewilligte  er  es.

Das  erste,  was  die  Landstände  nun  taten,  war,  daß  sie  den 

Ausschuß 

durch 

sechs 


Prälaten 

und 


siebzehn 

Stadtabgeordnete 

verstärkten 

und 


ihm 

auftrugen, 

die 

fürstliche  Landtagsproposition  in  Beratung  zu  ziehen.  Am  29. 



Januar  wurde  hierauf  eine  allgemeine  Sitzung  gehalten,  bei 

welcher  auch  die  Amtleute  erschienen,  »weil  sie  sich  doch 

nicht 

würden 


ausschließen 

lassen«. 

Der 

Sprecher 



des 

Ausschusses  war  Broll,  welcher  erklärte,  die  Ansicht  desselben 

sei,  daß  man  den  Tübinger  Vertrag  nicht  fallen  lassen,  noch 

in  eine  sogenannte  Erläuterung  desselben  willigen  dürfe,  da  er 

lauter  und  verständlich  genug  sei.  Er  endigte  seinen  Vortrag 

mit  den  Worten:  »Niemand  unter  uns  ist  es  unbekannt,  welche 

Stimmung  im  Lande  herrscht,  wie  das  Volk  bekümmert  ist,  da 


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